Autor: Andreas Schiendorfer
Veröffentlicht: 11. November 2010
Poken

Ein vierfingriges Händchen vernetzt die Welten

Die Brücke zwischen der virtuellen Welt der sozialen Netzwerke und der realen Welt hat nun einen Namen: Poken. Geben wir uns künftig neben der richtigen Hand auch jene mit vier Fingern und verpoken uns auf diese Weise?

Was verbindet die Schriftstellerin Ilma Rakusa, den Jungunternehmer Stéphane Doutriaux und die Moderatorin Michelle Hunziker miteinander? Keine Ahnung? Sie belegen im Ranking "Aufsteiger des Jahres 2009“ der Zürcher "Sonntags-Zeitung“ nacheinander die Plätze 26 bis 28. Neben Politikern, Sportlern, Medienvertretern, Showstars und Finanzspezialisten findet man in dieser Rangliste nur ganz vereinzelt Vertreter des Werkplatzes Schweiz – Jasmin Staiblin, CEO ABB, Philippe Gaydoul, CEO Navyboot, und Franz Humer, Verwaltungsratspräsident von Roche. Da muss also schon etwas ganz Spezielles an Stéphane Doutriaux und seiner elektronischen Visitenkarte Poken dran sein. Unterstrichen wird diese Vermutung auch durch verschiedene Preise und Anerkennungen, welche Poken in den letzten beiden Jahren erhalten hat, zuletzt Ende Juni 2010 das begehrte Label "CTI Certified“ der Swiss Confoederation’s Innovation Promotion Agency CTI.

Den Durchbruch geschafft

Die Spurensuche führt nach Lausanne. Nicht etwa in ein Neubauquartier mit zweckmässig und grosszügig eingerichteten Büros, sondern mitten in die Altstadt. Ein bisschen wird man an die Tüftlergarage von Microsoftgründer Bill Gates erinnert. Allerdings befinden wir uns im dritten Stock und stehen in einer umfunktionierten Wohnung. Bei mittlerweile 15 Mitarbeitern quillt diese aus allen Nähten. Bei der kurzen Führung erkennt man, dass das Ende 2007 gegründete Unternehmen den Durchbruch bereits geschafft hat: durch eine Wand, deren Türloch nun als Verbindung zwischen zwei Büros dient.

Diese gleichsam virtuelle Türe mag symbolischen Charakter besitzen, genau so wie die Tatsache, dass sich das Hauptquartier an der Rue du Pont befindet. Poken ist eine Verbindungsbrücke zwischen der virtuellen und der realen Welt.

Und mit einem leisen Schmunzeln stellt man fest, dass Doutriaux nicht versucht, die Bruchspuren in der Wand zu kaschieren, sondern die hier herrschende optimistische Aufbruchstimmung geradezu zelebriert. Spass muss sein, betont er denn auch im Laufe unseres Gesprächs mehrmals. Auch da hat er natürlich bekannte Vorbilder, bei Facebook und selbst bei Wikipedia stand der Spassfaktor ganz am Anfang der genialen Erfindung.

Kontaktdaten austauschen

Worum es geht, ist letztlich schnell erzählt: Poken ist ein Gadget, welches Kontaktdaten der Besitzer über Nahbereichsfunk austauscht. Neben den üblicherweise auf Visitenkarten enthaltenen Daten kann ein Poken auch Links zu Profilen aus verschiedenen sozialen Netzwerken und mittlerweile auch ganze Dokumentationen übermitteln. Da jeder Poken-Besitzer seine Daten am Computer auswählt und aktualisiert, kann er letztlich selbst bestimmen, wie viel er von sich preisgeben will, aber auch dafür sorgen, dass die verpokten Partner die neue Adresse oder Telefonnummer erfahren. Verpoken – also diese Daten austauschen – kann man sich ganz einfach, indem man die beiden vierfingrigen Poken-Handflächen aneinanderhält.

Poken_2.jpg

Retailmarkt nicht als oberstes Ziel

Im Januar 2009 kamen die ersten Poken-Gadgets auf den Markt – als Trägermedium funny Figürchen wie ein Panda, eine Biene, ein Frankenstein, ein Red Dragon oder auch ein Tiger. Sollte es dereinst gelingen, dass sich die Communities der verschiedenen sozialen Netzwerke, insbesondere natürlich Facebook, geschlossen auf Poken stürzen, dann würde das junge Schweizer Unternehmen ausgesorgt haben. Doch das kann natürlich nur richtig funktionieren, wenn eine gewisse kritische Masse überschritten ist. Jetzt muss ein Poken-Besitzer noch damit rechnen, dass sein Gegenüber kein Poken besitzt. Schnelles Wachstum ist gefragt.

Wie viele Poken wurden denn bis jetzt verkauft? Zahlen nennt Stéphane Doutriaux keine, aber bereits sind Poken in rund 50 Ländern erhältlich und stossen dank mehr als 20 Partnerorganisation nicht nur in Europa, in Asien, den USA und sogar in Afrika auf ein riesiges Interesse. Gleichzeitig betont der junge Unternehmer: "Der Retailmarkt hat für uns im Moment keine Priorität. Unser Erfolg basiert auf Communities.“

Viele renommierte Firmen verpoken sich

Tatsächlich setzen viele Firmen, darunter BMW, Microsoft, IBM, Cisco, auf Poken, wenn es darum geht, Teilnehmer einer Veranstaltung einander vorzustellen und untereinander zu vernetzen. Die Kultujeans von Angel & Devil sind ebenfalls mit einem Poken versehen. Dazu wurde eigens eine Businessversion von Poken geschaffen, die diskreter aussieht, mit einem Firmenlogo bedruckt werden kann und gleichzeitig einen Memorystick enthält. Wenn jeder ein – kostengünstiges - Poken erhält, kann es, beispielsweise bei einem Apéro, Eis brechend sein, sich zu verpoken statt gedruckte Visitenkärtchen auszutauschen. Und statt an einer Produktpräsentation kiloweise schriftliche Unterlagen zu sammeln und mit sich herumzuschleppen, kann man sie sich mit einem Poken-Handgriff bequem und umweltfreundlich elektronisch sichern.

Im Moment alleine auf dem Markt

Im Laufe der letzten zwei Jahre sind einige Konkurrenzfirmen mit ähnlichen Produkten auf den Markt getreten. "Sie sind alle bereits wieder verschwunden, weil wir einen entscheidenden technologischen Know-how-Vorsprung besitzen“, betont Stéphane Doutriaux. „Es gilt nun aber, die gute Ausgangslage zu nutzen. Einerseits wollen wir neue Produkte wie etwa ein Poken-Format "Identitätskarte“ entwickeln, anderseits neue Märkte erschliessen und natürlich in unseren Schlüsselmärkten die Verkaufsbemühungen intensivieren.“

Um das rasante Wachstum zu ermöglichen, unterstützt auch die Credit Suisse Entrepreneur Capital AG das Lausanner Unternehmen als zusätzlicher Investor.