Autor: Andreas Schiendorfer
Veröffentlicht: 13. August 2012
agrofrucht-Inn ag

Getrocknet und doch so frisch und fruchtig wie in der Natur

Ein Aargauer KMU produziert Schweizer Trockenfrüchte und -gemüse und macht so den Billigimporten erfolgreich Konkurrenz.

Das Betriebskonzept stand von Anfang an fest; Trockenfrüchte ohne Konservierungsstoffe und ohne Zuckerzusatz herzustellen und dazu Schweizer Rohstoffe zu verwenden. Das Konzept hat sich durchgesetzt, und dies erfolgreich: Der Betrieb verkauft jährlich 150 bis 200 Tonnen Trockenprodukte. Seit dem letzten Jahr sind auch Dörrbohnen zu einem wichtigen Umsatzträger geworden. "Ohne die klare Ausrichtung hätten wir keine Chance gehabt, uns gegen billige Importprodukte durchzusetzen", ist Philipp Käppeli, Geschäftsführer der agrofrucht-Inn AG, überzeugt. "Es ist klar, dass wir preislich nicht mit den Produkten aus China oder Südeuropa mithalten können, aber das wollen wir auch nicht, denn wir setzen auf die Schweizer Herkunft der Rohstoffe und auf Qualität."

Ausgeklügeltes Verfahren

Nach der Firmengründung im Jahr 2008 wurden zuerst umfangreiche Produktfeldversuche durchgeführt, um die Eignung vom Anbau bis hin zur Trocknung zu testen. "Bei uns werden die Früchte nicht gedörrt, sondern schonend getrocknet. So bleibt die Zellstruktur und damit auch der Geschmack erhalten." Das A und O besteht in der ausgeklügelten Trocknungsprozedur: "Sie ist für jedes Produkt individuell fest gelegt. Entscheidend ist die Kombination von Temperatur, Zeitdauer, Luftmenge und Luftfeuchtigkeit", erklärt Käppeli.

Nach der erfolgreichen Testphase werden seit 2010 Kunden beliefert. Rund 70 Prozent der Produktion gehen an die Lebensmittelindustrie, 20 bis 25 Prozent an den Detailhandel und der Rest an die Gastronomie. Die agrofrucht-Inn bietet eine grosse Palette von Produkten an, dazu gehören klassische Früchte wie Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Süsskirschen, Erdbeeren oder Aprikosen, aber auch Gemüse wie Zwiebeln, Kürbisse und Bohnen. Neben der speziellen Trocknungsart wird bei der Herstellung der Produkte auch auf Konservierungsstoffe verzichtet. Weder Schwefeldioxyd noch Ascorbinsäure werden verwendet, was die Qualität der Produkte auszeichnet.

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Konkurrenz für die Dörrbohnen aus China

Käppeli hat schnell festgestellt, dass nicht nur für Früchte, sondern auch für getrocknete Gemüse eine Nachfrage besteht. Letztes Jahr hat er die Produktion von Dörrbohnen aufgenommen, nachdem ein Grossverteiler schon vor längerer Zeit mit dieser Anfrage an ihn gelangt war. "Das wurde erst möglich, als wir einen Vorverarbeiter gefunden hatten, der uns die Bohnen gespitzt und blanchiert bereitstellt. Unsere Dörrbohnen sind zwar im Vergleich zu den chinesischen etwa zweieinhalb Mal teurer, es hat sich jedoch gezeigt, dass die Konsumenten bereit sind, diesen Aufpreis für ein Schweizer Produkt zu bezahlen. Das bestärkt uns in unserer Strategie, auf einheimische Rohstoffe zu setzen."

Das Geschäft mit den Dörrbohnen, die hauptsächlich aus dem Aargau stammen, hat sich auf Anhieb zu einem Hauptumsatzträger entwickelt. "In diesem Jahr werden wir die verarbeitete Menge auf 200 Tonnen Frischbohnen verdoppeln", so der Geschäftsführer. "Mittelfristig streben wir einen Marktanteil von 700 bis 800 Tonnen an, beziehungsweise 15 Prozent der in der Schweiz verkauften Dörrbohnen. Das entspricht einer beachtlichen Anbaufläche von 120 bis 140 Hektaren, was rund 70 Produzenten benötigt", erläutert Käppeli.

Zu den Kunden im Detailhandel zählen mittlerweile fast alle Grossverteiler, insbesondere bei den Dörrbohnen. Eigenmarken der agrofrucht-Inn sind "fruchtis®" für Trockenfrüchte und "vegusti®" für Trockengemüse. Ein Teil der Produkte kann direkt im Onlineshop bezogen werden. Die Firma beschäftigt 12 bis 14 Mitarbeitende inklusive Aushilfen und erzielt bereits einen beachtlichen Umsatz. Äpfel, Birnen und Dörrbohnen machen zusammen 70 Prozent der abgesetzten Menge von 150 bis 200 Tonnen aus. Zurzeit ist der Betrieb praktisch ausgelastet. Der Geschäftsführer muss aufgrund der Entwicklung ab 2013 Ausbauschritte bei der Trocknungsanlage ins Auge fassen: "Wir streben ein organisches Wachstum an und wollen den Umsatz in den nächsten drei bis fünf Jahren mindestens verdoppeln. Das ist ein realistisches Ziel", erklärt Käppeli.

Dienstleistungen als zusätzliches Standbein

Einen zusätzlichen Betriebszweig bildet das neue Dienstleistungspaket, das sich von der vorverarbeitenden Lebensmittelindustrie bis hin zur Feindistribution erstreckt. Für das Regionalentwicklungsprojekt "Zuger&Rigi-Chriesi" beispielsweise erledigt agrofrucht-Inn das Entsteinen, Gefrieren und Trocknen sowie den Vertrieb. Zu diesem Zweck hat sie die modernste Entsteinungsanlage der Schweiz für Kirschen angeschafft.

Die agrofrucht-Inn verfügt über alle einschlägigen System- und Produkt-ISO-Zertifizierungen 9001:2008 und 22000:2005 sowie über Suisse Garantie, Bio Suisse und Koscher Labels. "Das ist heute die Voraussetzung, damit man überhaupt Grossabnehmer beliefern kann. Für einen Kleinbetrieb wie die agrofrucht-Inn stellen diese Anforderungen eine sehr hohe Hürde dar. Wir sind stolz darauf, dass wir die Lebensmittelzer tifizierung ISO 22000:2005 im letzten Jahr erfolgreich umsetzen konnten."

Ohne Geld ist eine gute Idee wertlos

Das von der Credit Suisse Entrepreneur Capital AG erhaltene Kapital dient vor allem der Vorfinanzierung von Rohstoffen, Zusatzinvestitionen, der nötigen Erweiterung des Fachpersonals und der Marktbearbeitung. In der Schweiz reicht eine gute Idee allein für einen erfolgreichen Markteintritt nicht aus. Banken sind in einer langen und intensiven Aufbauphase leider nicht die richtigen Partner. Dank dem Kapital der Credit Suisse Entrepreneur Capital AG und Privatdarlehen konnte diese Zeit überbrückt werden. Langfristig strebt agrofrucht-Inn einen Anteil von zehn Prozent am Schweizer Markt für Trockenfrüchte und -gemüse an. Nach und nach sollen auch zusätz liche Arbeitsplätze geschaffen werden, vorausgesetzt, die Schweizerinnen und Schweizer erliegen der süss-trockenen Versuchung.